Verheißung

von admin

Kurzgeschichte

Das hölzerne Schiff mit den windschiefen, zerfetzten Segeln treibt schon lange Zeit über das offene Meer.

Die zerlumpte, ausgemergelte Gestalt an Deck teilt sich die letzten Brotbrocken mit den Ratten.

 

Und doch gibt sie nicht auf – die Verheißung so nah.

 

Endlich: Land in Sicht!

 

Mit letzter Kraft wirft sie den Anker aus. Der Blick schweift weit über den goldenen Strand, den satt-grünen Streifen dahinter, die reifen Früchte, die nahrhaften Felder, die glänzenden Schlösser, die rauschenden Bäche…

 

Doch noch darf sie das Boot nicht verlassen:

Nur eine winzige Formalität trennt die müde Figur noch von der Verheißung.

 

„Ich erbitte die Einreise“ – Hast du denn ein Einreisepapier?

„Nein, das bekomme ich erst, wenn ich Arbeit habe“ – Hast du denn Arbeit?

„Nein, die bekomme ich erst, wenn ich eingereist bin“ – Warum willst du denn einreisen?

„Ich suche Schutz“ – Bist du geflüchtet vor einem Krieg?

„Der Krieg ist vorbei. Doch mein Land ist zerstört“ – Also herrscht kein Krieg mehr?

„Nein. Doch ich habe Hunger“ – Dann arbeite doch!

„Darf ich arbeiten?“ – Hast du denn ein Einreisepapier?

 

So geht es noch eine Weile fort. Doch noch immer darf die Gestalt ihr Schiff nicht verlassen.

 

Der Abend dämmert schon und die Sonne zerfließt blutrot in den Wellen.

Ein Grollen rumort in der Ferne, das schnell näher kommt. Dann tobt der Sturm.

Die Gestalt ruft, sie betet, sie schreit.

Da sticht ein greller Blitz aus den wabernden Wolken hernieder und spaltet den maroden Mast in der Mitte.

 

Als die Gestalt in den eiskalten Fluten treibt, hat sie die Verheißung noch immer vor Augen.

Ganz nah.

 

Dann schwindet ihr Geist.

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