Frauen und Technik

von admin

Eine Kurzgeschichte zum Schmunzeln

Montag

Das Telefon klingelt.

Mutter nimmt ab.

Eine freundliche, männliche Stimme quillt aus dem Hörer: „Einen schönen guten Tag, Frau Mustermann. Ich bin vom Service-Center Ihres Telefonanbieters und möchte Ihnen heute ein neues Angebot unterbreiten.“

Meine ältere Schwester, die neben meiner Mutter steht und den Redefluss nicht überhören konnte, flüstert aufgeregt: „Lass´ dir bloß nichts aufschwätzen, Mutter. Die ziehen uns nur über den Tisch!“

Meine Mutter nickt leicht und setzt zum Sprechen an, doch der Anrufer lässt bewusst keine noch so kleine Pause: „Mir ist aufgefallen, dass Ihr Vertrag veraltet ist und Sie mindestens 5,- Euro monatlich sparen könnten, bei gleichzeitig besseren Leistungen. Denn seit Anfang des Jahres ist auch in Ihrem Ort eine schnellere Verbindung möglich, von bis zu 50 Mbit…“

Meine jüngere Schwester kommt ins Zimmer: „Schon wieder so ein Quaksalber?“ 

Meine Mutter lässt sich nicht beirren. Wir sind zwar Frauen, aber nicht blöd. So leicht lassen wir uns nichts aufschwatzen, auch wenn wir von Technik keine Ahnung haben. 

Endlich schafft es meine Mutter den Anrufer dankend abzuwürgen und legt auf.

 

Dienstag

Ich sitze mit meiner Mutter und meinen Schwestern beim Abendbrot.

„Was bezahlst du denn im Moment für Telefon und Internet“, frage ich meine Mutter. 

„39,95 Euro.“

„Hm, in meiner WG zahlen wir tatsächlich 5 Euro weniger und haben schon die schnellere Leitung.“

„Soll ich mich vielleicht einmal im Laden in der Stadt erkunden und genaue Informationen einholen?“ überlegt meine Mutter. 

Meine jüngere Schwester blickt von ihrem Teller auf: „Na, schaden kann es ja nicht, oder?“

 

Mittwoch

Meine Mutter kommt gerade aus der Stadt nach Hause. Wir warten alle gespannt. Selbstverständlich haben wir uns vorher schlau gemacht, nach Tarifen und Leistungen im Internet gesucht, die genauen Bezeichnungen unserer vorhandenen Geräte wie Telefon, Modem, Rooter, Splitter, und wie sie noch alle heißen, aufgeschrieben und unsere Mutter detailliert instruiert für das Gespräch im Laden. Denn wir werden uns nicht überrumpeln lassen, wie es in der Vergangenheit schon vorkam.

Meine jüngere Schwester nimmt der Mutter die Tragetaschen aus der Hand: „Und, was sagen Sie?“

Meine Mutter schaut zufrieden in die Runde: „Also, ich habe mir alles genau erklären lassen von diesem netten, kompetenten Mann und bin zu dem Schluss gekommen, dass ein Tarifwechsel tatsächlich ein großer Vorteil wäre. Sowohl die Leistung ist besser, als auch der Preis. Außerdem hat er garantiert, dass unser Rooter für die neue Leitung fähig ist und wir keine neuen Geräte brauchen.“ 

Meine ältere Schwester nickt zustimmend: „Na, wenn das alles geprüft wurde, dann können wir es ja machen.“

Wir stimmen alle zu.

 

Donnerstag

Morgen soll die neue Verbindung freigeschaltet werden. Wir haben einen neuen Vertrag und ein einzelnes neues Kabel, das wir benötigen würden. Ansonsten sollen wir nur abwarten, bis das Telefon nicht mehr funktioniert, dann könnten wir alles neu anschließen und abends bereits schneller und billiger telefonieren und surfen. 

Das Telefon klingelt. Ich nehme ab.

„Ja, hallo Frau Mustermann, hier der Telefonservice. Ich wollte mich nur erkundigen, ob Sie noch Fragen haben, was Ihren neuen Anschluss betrifft.“

Ich verneine und bin überrascht, dass er sich anscheinend sehr um unsere Kundenzufriedenheit bemüht.

„Unter Umständen könnte es vorkommen, dass Ihr alter Rooter sich nicht automatisch auf den neuen Anschluss einstellt, das ist aber kein Problem.“

Jetzt bin ich alarmiert. 

„Wieso, was meinen Sie damit?“

„Vielleicht muss er nur neu konfiguriert werden. Aber es steht ja alles detailliert in Ihren Unterlagen“, seine Stimme nimmt einen beruhigenden, väterlichen Unterton an. 

„Na, gut, und was sollen wir tun, falls irgendetwas nicht funktioniert?“

„In diesem unwahrscheinlichen Fall, rufen Sie einfach unsere Hotline an. Einen schönen Tag wünsche ich Ihnen noch!“

Irgendwie bekomme ich ein ungutes Gefühl.

 

Freitag

Ich checke am Morgen noch schnell meine E-Mails.

Meine jüngere Schwester beantwortet noch massenweise Nachrichten und Mitteilungen ihrer unzähligen Social-Media-Profile. 

Und meine ältere Schwester, die selbstständig tätig ist und mit den meisten ihrer Kunden online kommuniziert, versucht noch rasch, alle aktuellen Aufträge abzuarbeiten. 

Nach dieser hektischen Betriebsamkeit kehrt Stille ein. Wir warten.

Um 15:00 Uhr ist es soweit. Das Telefon ist tot. Unsere Laptops verweigern den Internetzugang. 

Mutter kommt von der Arbeit, sie ist müde und geschafft. 

Zu viert stehen wir um den Esstisch, sämtliche Dokumente, Anleitungen, Grafiken und Bildbeschreibungen vor uns ausgebreitet.

„Nun denn, gehen wir´s an“, ruft meine jüngere Schwester motiviert. 

In mir nagen Zweifel. Wenn das mal gut geht…

Meine ältere Schwester liest Schritt für Schritt die Anleitungen vor und präzise befolgen wir jede Anweisung unter 8-Augen-Kontrolle.

Doch es tauchen bald seltsame Abweichungen auf zwischen dem ordentlich auf Papier gedruckten System von Geräten, Kabeln und Anschlüssen und dem, was wir in der Realität bei unserer Anlage vorfinden. 

Auch der Hinweis auf den Bildern „Abbildung kann je nach Modell abweichen“ hilft uns leider keinerlei weiter. Fragen über Fragen überrumpeln uns: Soll der Splitter ganz weg? Ist das schwarze Kästchen wirklich der Rooter? Warum fehlt an unserem Modem offensichtlich eine nötige Anschlussbuchse? Ist unser Telefon noch analog oder digital? Dürfen wir jedes Kabel verwenden, dass von seiner Beschaffenheit passen würde, oder nicht?

Drei Stunden später liegen unser aller Nerven blank.

Es funktioniert nicht.

Und wir wissen auch nicht warum.

Von der Außenwelt abgeschnitten, rufen wir als erstes unseren Nachbarn zu Hilfe. Er kennt sich nämlich gut aus. Was er sagt, verstehen wir zwar nicht, aber er nimmt sich des Problems hingebungsvoll an. 

Sein Fazit: Unser Rooter ist wohl zu alt.

Verzweifelt rufen wir über Handy Onkel Gerhard an. 78 Minuten und 9,14 Euro Handygebühren später, ist das Problem noch immer nicht gelöst, doch Onkel Gerhard meint erkannt zu haben, dass es nicht an unserem Rooter, sondern an den Telefonen liegt. 

Unser letzter Strohhalm ist der Mann meiner älteren Schwester, der sie zum Kino ausführen wollte.

Doch selbst die Spätvorstellung ist bereits verstrichen, als er resigniert aufgibt und die Schuld auf den Serviceanbieter schiebt, der uns falsche Angaben gemacht haben muss und der neue Anschluss überhaupt nicht kompatibel mit unserem vorhandenen System sei. 

Unsere Mutter ist bereits mit Herzrasen zu Bett gegangen, als wir völlig übermüdet, wütend und enttäuscht um den dunklen Küchentisch sitzen. 

 

Samstag 

Ein Anruf beim Telefonservice über Handy hat meine jüngere Schwester fast 12 Euro gekostet. Das Problem lässt sich aber nicht lösen. Ein Techniker müsse sich das vor Ort anschauen. 

Wir haben auch gleich einen Termin für Montag bekommen. Montag in 4 Wochen. 

 

Sonntag

Meine Mutter, meine Schwestern und ich sitzen im Wohnzimmer auf der Couch. Es ist sehr still. Das Wochenende war ausgesprochen ruhig. Keine Anrufe, keine Musik aus unserm virtuellen Archiv, keine Webtelefonie mit unseren Verwandten in Übersee, keine Arbeit für meine ältere Schwester, keine emotionalen Aufregungen für meine jüngere Schwester, weil irgendwer wieder irgendwas Unfassbares gepostet hat. Seit einer Stunde spielen wir gemeinsam Karten. Das haben wir schon lange nicht mehr gemacht.

Unsere Zukunft: Keine Glücksschreie mehr bei der nächsten Schuhlieferung. Kein stundenlanges Problemewälzen mit der besten Freundin am Telefon. 

Vor meinem inneren Auge sehe ich uns bei Kerzenschein um diesen Tisch sitzen. Die Stille ist fast hörbar. Langsam stochern wir gemeinsam in der letzten Konservendose „Erbsen und Möhrchen“ herum.

Bis das Licht erlischt…

 

Eine Woche später

Ich muss mich bei meinen Lesern entschuldigen. Natürlich habe ich maßlos übertrieben.

Was soll ich sagen: Frauen und Technik eben! 

Nach einem weiteren Besuch im Telefonladen und der Unterstützung eines weiteren Fachmannes ließ sich das Problem ganz leicht beheben!

Wir mussten nur einen neuen Rooter für 120 Euro und zwei IP-fähige Telefone für je 30 Euro kaufen. Woran es genau lag, dass es nicht funktionierte, weiß ich nicht. Ich habe es nicht verstanden. So viele schlaue Männer haben uns so vieles erklärt und debattiert, da habe ich den Überblick verloren. Und mich selbst im Internet erkundigen, konnte ich aus den bereits erwähnten Gründen nicht.

Zwar haben wir rein auf dem Papier nichts gespart, weil die Leihgebühr des neuen Modems genau 5 Euro im Monat kostet, doch dafür haben wir jetzt eine echt schnelle Leitung!

Es ist beeindruckend. Wenn ich eine Internetseite aufrufe, baut sie sich mindestens eine volle Sekunden schneller auf. Und wenn ich ganz genau darauf achte, ruckeln die Videos weniger. Ich bin ganz sicher. 

Den größten Vorteil haben wir natürlich beim Herunterladen von Daten. Doch Filme zu downloaden ist uns nicht ganz geheuer, daher machen wir das lieber nicht. Außerdem laufen jetzt auf unserem Computer Online-Spiele ohne Beeinträchtigungen und in super Qualität! Allerdings spielt keiner von uns. 

Doch das ist nicht der ausschlaggebende Punkt. Wichtig ist ja, dass wir mit der Zeit gehen, da hat Mann absolut Recht!

Oder?

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