Roadtrip Kanada: 5 Provinzen, 20 Tage, 6.000 Kilometer

von admin

Reisereportage

Ein Schrei: „Da ist einer!“ Alle 40 Passagiere an Bord des Kutters drehen gleichzeitig die Köpfe und stürmen an den Bug. Mit Kameras und Ferngläsern bewaffnet können wir die erste Walflosse in der aufgewühlten See entdecken. Ein riesiger Buckelwal taucht nur wenige Meter entfernt aus dem Wasser auf, daneben ein Jungtier, das mit der Schwanzflosse winkt. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, diese enormen Tiere so nah im Wasser zu sehen. Sie sind nicht scheu, sondern schwimmen neugierig neben dem Boot.

 

Diese Walbeobachtungstour ist nur ein Highlight eines wunderbaren Roadtrips zur Ostküste Kanadas. Mit einem gemieteten Van, der für die nächsten 20 Tage unser Zuhause sein wird, starten wir von Toronto aus zur faszinierendsten Reise unseres Lebens. Auf den endlosen Highways erfasst uns das Gefühl von Freiheit. Nur grob ist die Route geplant: Montreal, Quebec City, Tadoussac, durch die Provinz New Brunswick über Prince Edward Island nach Nova Scotia. Ein ganzes Buch könnte man über diese Reise schreiben, doch nur einige herausragende Erlebnisse können hier Erwähnung finden.

 

Montreal ist eine typische Großstadt, die auf jeden Fall einen Besuch lohnt, obgleich die Atmosphäre wohl am ehesten mit laut und busy beschrieben werden kann. Ruhe kann man in der beeindruckenden Basilique Notre Dame finden, einer Kirche im neugotischen Stil mit filigranen Holzschnitzereien und einer atmosphärischen Lichtshow.

 

Quebec City hingegen ist europäischer angehaucht. Die kleinen, verwinkelten Gassen, das Chateau Frontenac und die alte Stadtmauer verleihen der Stadt ein besonderes Flair.

 

Als Rucksackreisende mit schmalem Geldbeutel haben wir fast unser gesamtes Budget in den Mietwagen gesteckt, daher nutzen wir ihn nicht nur als Transportmittel, sondern auch als Schlafplatz. Abends drehen wir die Rückenlehnen zurück und kuscheln uns in die Schlafsäcke. Nach oft kalten Nächten schälen wir uns morgens aus Decken und Kleidung und besuchen das nächste Tim Hortons zum Waschen und Frühstücken. Das ist zwar nicht sehr bequem, doch unterstreicht es den abenteuerlichen Charakter unserer Reise. Eines Nachts raschelt etwas verdächtig unter unserem Auto. Aufgeschreckt schalten wir unsere Taschenlampen an, kurbeln die Seitenscheibe herunter und schauen vorsichtig durchs Fenster. Da steckt ein schwarz-weißes Stinktier seine Nase unter der Seitenverkleidung hervor. Schnell verziehen wir uns wieder, bevor das niedliche Tier seinem Namen alle Ehre macht.

 

Wir folgen dem St. Lorenz Strom Richtung Norden und erreichen nach drei Tagen ein besonderes Ziel: Tadoussac ist bekannt für ausgezeichnete Walbeobachtungen. Tatsächlich können wir bereits vom Strand aus Wale entdecken. Fasziniert lümmeln wir auf dem felsigen Ufer des riesigen Flusses und können uns nicht mehr losreißen. Jeden Moment könnte doch noch eine Fluke aus dem Wasser stoßen…

 

Mit einer Fähre setzen wir über den St. Lorenz Strom und fahren weiter Richtung Osten. Die überwiegend ländliche Region New Brunswicks wird allmählich von Touristen entdeckt. Naturfreunde kommen zum Beispiel im Fundy Nationalpark auf ihre Kosten, wo man bei Niedrigwasser um die beeindruckenden säulenartigen Felsformationen der Küste herumspazieren kann, die sonst vom Meer umschlossen sind.

 

Kanadas kleinste Provinz Prince Edward Island ist unser nächstes Ziel. Über eine 14 Kilometer lange Brücke gelangen wir auf die bezaubernde Insel, die sich durch zahlreiche schmucke Bauernhöfe, eine Kriminalitätsrate von beinah 0 % und die berühmten Austern der Malpeque-Bay auszeichnet. Weite, weiße Sandstrände laden zum Baden ein und die Wälder der Küstenregion beherbergen eine Vielfalt seltener Vogelarten. Die Hauptstadt Charlottetown gilt als Geburtsort des modernen kanadischen Staates. 1864 trafen sich hier die 23 Vertreter der britischen Nordamerikaprovinzen zur Beratung der kanadischen Konföderation. Das Anne of Green Gables Haus ist ebenfalls ein Pflichtbesuch, auch wenn die Titelfigur aus Lucy Maud Montgomerys erfolgreichem Roman unglaublich kitschig vermarktet wird.

 

Eine Fähre bringt uns zurück aufs Festland und weiter geht es in die Provinz Nova Scotia.

Hier wartet ein weiteres Highlight unserer Reise: Der legendäre Cabot Trail gehört zu den schönsten Panoramastraßen der Welt und erinnert an die schottischen Highlands. Der Wechsel von steilen Bergen, tiefen Schluchten, glitzernden Fjorden und kargen Hochmooren birgt ein einzigartiges Erlebnis. Wer sportlich ist, sollte versuchen, den Cabot Trail mit dem Fahrrad zu bezwingen. Ausgedehnte Wanderungen durch den herrlichen Nationalpark werden mit der Sichtung von Elchen, Kragenhühnern, Greifvögeln und mit etwas Glück sogar Schwarzbären belohnt. Als wir dem Wanderpfad durch das Dickicht folgen und auf eine diesige Lichtung treten, zeichnen sich im Nebel einige riesige Schatten ab. In nur sechs Metern Entfernung steht eine Elchkuh mit einem Jungtier. Wenn man vor einem riesigen Elch steht, dessen Größe eher an einen kleinen Elefanten erinnert, wird einem schon ein wenig mulmig! Erst nach einer Weile des stillen Beobachtens fällt uns auf, dass im Hintergrund noch weitere Tiere versteckt in hohem Gras liegen. Vor Aufregung vergessen wir fast, ein Erinnerungsfoto zu machen.

 

An der Ostküste entlang geht es nun nach Halifax. Besonders die Uferpromenade des zweitgrößten Naturhafens der Welt, an der sich historische Schiffe und moderne Frachter aneinanderreihen, ist zu empfehlen. Während eines Spaziergangs auf der Promenade erfährt man zudem Wissenswertes über den erbitterten Kampf englischer und französischer Siedler um Akadien. Zahlreiche Touristen kommen außerdem nach Halifax, um die letzten Spuren der Titanic aufzusuchen. Im Maritime Museum of the Atlantic ist noch ein Sonnendeckstuhl des 1914 gesunkenen Schiffes zu bestaunen und auf dem Fairview Lawn Cemetery befinden sich zahlreiche Gräber der Titanic-Opfer.

 

Peggy’s Cove und Lunenburg sind nur einige Städtchen rund um Mahony Bay, die in den Reiseführern stets zutreffend mit ‘pittoresk’ beschrieben werden und zum Verweilen und einer guten Haddock Chowder einladen. Wir verlassen nun die Küste und besuchen den Kejimkujik Nationalpark, um eine entspannte Kanutour durch verschlungene Flussläufe zu unternehmen.

 

Zum Abschluss der Reise gönnen wir uns eine Whalewatching-Tour auf einem alten Hummerkutter in Digby: Wer unter Seekrankheit leidet, sollte sich wappnen: Das Boot schaukelt in den Wellen hin und her und schlägt regelrechte Haken, sodass einige Passagiere mit Übelkeit zu kämpfen haben. Doch wer auch dies tapfer hinnimmt, wird mit einem einzigartigen Erlebnis belohnt: Noch eine halbe Stunde lang schwimmen die beiden Buckelwale neugierig neben unserem Boot, bis sie sich mit einem Platschen der Schwanzflosse von uns verabschieden.

 

Nach 20 Tagen und 6000 Kilometern kommen wir zurück nach Toronto. Die Abenteuerreise war anstrengend, aber unbeschreiblich schön! Man bekommt wohl nur selten die Chance auf ein solches Erlebnis. Also nicht lange nachdenken: Sachen packen und sich ins Abenteuer stürzen!

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