Eine Schülerschule geht ihren Weg

von admin

Gelungene Inklusion unter dem Motto: Gemeinsam sind wir Klasse!

Die Stille ist überwältigend. Die vorherrschende Atmosphäre ist ruhig und entspannt, vermischt mit einer Portion konzentrierten Arbeitens. Der erste Eindruck lässt vermuten, sich im Foyer eines Hotels zu befinden, doch auf den loungeähnlichen Sitzlandschaften der offenen Räumlichkeiten hocken keine erwachsenen Geschäftsleute, sondern Grundschulkinder. Anne und Janine schreiben gerade Buchstaben in ihren Hefter, Marcel, der eine augenscheinliche Körperbehinderung hat, bearbeitet ein Steckbild. An einem der Gruppentische, die unsortiert im Raum verteilt sind, grübelt Nico hingegen über einer Prozentrechnung, die eigentlich Lerninhalt der Gymnasialstufe wäre. Im nächsten Moment unterbricht der hochbegabte Achtjährige seine Matheaufgabe, da ihn Lena um Hilfe bei ihrem Arbeitsblatt zur Addition im Zahlenraum bis 20 bittet. Und mitten zwischen den niedrigen Schülertischen liegt Robert in seinem Liegerollstuhl. Er hat eine Schwerstmehrfachbehinderung, die seine Teilnahme am Unterricht erheblich erschwert. Seine Brille hängt schief auf der Nase. Eine der Lehrerinnen rückt sie ihm wieder zurecht, tupft etwas Speichel von seinen Mundwinkeln und streichelt dabei sanft die Hand.

 

Insgesamt drei Gruppen der integrativen Grundstufe der Antonius von Padua Schule teilen sich den Platz. Einzelne Flächen sind nicht durch Wände oder Mobiliar abgetrennt, sondern nur am Bodenbelag erkennbar; in den Lernbereichen bewegt man sich auf Teppichboden. Insgesamt werden hier 30 Kinder unterrichtet, zehn davon mit einer sogenannten geistigen Behinderung.

Anfangs waren Eltern zunächst skeptisch, ihr regelschulfähiges Kind einer ehemaligen Sonderschule anzuvertrauen. Doch nach dem ersten eigenen Eindruck der Atmosphäre waren die meisten schnell überzeugt, hier die richtige Schule für ihr Kind gefunden zu haben.

Es bedarf tatsächlich kaum einer Erklärung von Konzeption oder pädagogischem Leitbild: Beim Betreten des neuen Schulgebäudes, das im November 2015 feierlich eingeweiht wurde, erschließt sich alles auf einen Blick. Man ist mittendrin. Das Motto „Gemeinsam sind wir Klasse“ ist hier lebendig und spürbar. „Die Kinder haben sich vom ersten Tag an wohl gefühlt“, erinnert sich Schulleiter Hanno Henkel. „Als nach einer Woche Handwerker abends eine optionale Trennwand geschlossen ließen, reagierten die Kinder morgens beinahe verzweifelt und wollten umgehend ihren großen Raum zurück haben“. Das Konzept einer sogenannten Flüsterschule wirkt sich positiv auf alle Beteiligte aus. Nicht nur die Lehrkräfte wissen das sehr zu schätzen; auch Neuzugänge, denen der Ruf als Schreikind vorauseilte, passen sich innerhalb weniger Tage an das ruhige Raumklima an, berichtet Henkel.

 

Inklusion als Selbstverständlichkeit entdecken

Die inklusive Grundschule der Antonius von Padua Schule existiert offiziell seit Schuljahresbeginn 2014/15. Hervorgegangen ist sie aus einer über einhundertjährigen Förderschule. Nach dem Leitgedanken „Jeder ist anders“ lebt die Einrichtung bereits seit vielen Jahren praktische Inklusion. Henkel versteht darunter, dass Menschen auch dann als unbedingt gleichwertig und gleichberechtigt gelten müssen, wenn sie starke Auffälligkeiten aufweisen. „Unsere Schülerinnen und Schüler lernen gemeinsam und zugleich individualisiert. Das Vorurteil, dass langsamer Lernende die Schnelleren ausbremsen würden, kann ich nur widerlegen. Eine Förderung im Bereich der geistigen Entwicklung ist ebenso gewährleistet wie ein erfolgreicher, die staatlichen Standards erfüllender Grundschulunterricht.“ Notwendig dafür ist, das Primat der Gleichzeitigkeit aufzugeben.

Das erfordert ein hohes Maß an Flexibilität und Einfühlungsvermögen von allen Beteiligten. „Unsere Schülerinnen und Schüler nehmen den differenzierten Unterricht ganz selbstverständlich an. Wir Kollegen müssen uns erst daran gewöhnen, dass wir weitestgehend auf den typischen Frontalunterricht mit einheitlichem Lernziel verzichten können.“ Die Lehrerschaft musste also umdenken, die Diskrepanz vom Lernstand der Schülerinnen und Schüler überwinden und eine innere Differenzierung unterschiedlicher Niveaus annehmen. Um eine intensive Unterrichtsvorbereitung für einen vielfältigen, bunten Unterricht kommt keine Lehrkraft mehr herum. Eine erhöhte Teamarbeit ist dafür genauso erforderlich, wie die Nähe zu jedem einzelnen Schüler. Beides ist für die unterschiedlichen Lernpotentiale entscheidend.


Spagat zwischen Curriculum und Unterricht

Inhaltlich orientiert sich der Unterricht am aktuellen Kerncurriculum für die Grundschule. Den Spagat zwischen standardisiertem Curriculum, das den Übergang auf weiterführende Schulen sichert, und der Anpassung des Unterrichts an die individuellen Lernvoraussetzungen der Schülerinnen und Schüler, stellt die zentrale Herausforderung für eine inklusive Schule dar.
Henkel begegnet dieser Problematik tagtäglich: „Das Curriculum darf keine Barriere für junge Menschen sein, vielmehr sollte es jedem Lernenden ermöglichen, das zu lernen, was ihm möglich ist.“ Der Hessische Rahmenplan für Grundschulen bestätigt diese Haltung. Es ist ausdrücklich nicht Aufgabe einer Grundschule,

„alle Lern- und Leistungsdifferenzen der Kinder auf ein einheitliches Niveau hin auszugleichen. Vielmehr soll Differenzierung zum einen die Erreichung grundlegender Lernziele für möglichst alle Kinder sichern, zum anderen soll sie der Entfaltung der individuellen Möglichkeiten der Entwicklung individueller Lernziele sowie dem Aufbau von Selbstständigkeit und persönlichen Interessen dienen“ (Hessischer Rahmenplan Grundschule, S. 29)

 

Kanadisches Modell

Die inklusive Grundschule verfolgt die Anpassung in drei Stufen anhand des sogenannten „Kanadischen Modells“: Unterstützung, Flexibilisierung, Individualisierung. Henkel erläutert: „Zunächst begegnen wir individuellen Problemlagen mit geeigneten Strategien und Techniken, wie zum Beispiel Unterstützter Kommunikation und individualisierten Arbeitsmaterialien. Für jedes Grundschulkind erstellen wir einen individuellen Förderplan, der ständig an notwendige Veränderungen angepasst wird. Dies können sowohl Vereinfachungen wie auch erhöhte Anforderungen bei Hochbegabten sein. Für einige Kinder wird es jedoch notwendig sein, die Anforderungen an das Curriculum sehr weitreichend anzupassen. Wir bieten Schülerinnen und Schülern auch die Möglichkeit, sich den Unterrichtsstoff der ersten beiden Schuljahre bei Bedarf innerhalb von drei Jahren anzueignen.“

 

Lernen nach Kompetenzraster

Um einen möglichst differenzierten und individualisierten Unterricht anbieten zu können, überträgt die Schule die Lernziele des Kerncurriculums konsequent in Kompetenzraster. Dies trägt zum einen den durch die aktuellen Lehr-Lern-Studien (z. B. Pisa) gewonnenen Erkenntnissen Rechnung, nach denen die deutschen Schulen im internationalen Vergleich erheblichen Nachholbedarf in der Entwicklung von Kompetenzen aufweisen. Zum anderen schafft es die Voraussetzungen für eigenverantwortliches und selbsttätiges Lernen durch die Schüler. Henkel ist überzeugt: „Dies sollte unser Ziel für die Zukunft sein: Eigenständiges Lernen wie in einer „Schülerschule“.“

 

Vorbild „Schülerschule“ von Barbiana 

Was ist eine „Schülerschule“? Sollte nicht in jeder Schule der Lernende im Mittelpunkt stehen? Doch scheint es, als ob die Schüler aus dem Zentrum ihrer Schule geraten sind. ! Henkel gibt zu bedenken: „Obwohl unsere Schulen demokratische Bürger hervorbringen wollen und sollen, gibt es erstaunlich wenige Möglichkeiten für Schülerinnen und Schüler auf wichtige Bedingungen ihres Lernens Einfluss zu nehmen.“

Was will ich lernen?
Wo, mit wem, in welcher Zeit?
Welche Aneignungsweise liegt mir am nächsten?

Nur wenn das Lernen den individuellen Lernvoraussetzungen folgt, wird es erfolgreich gelingen.
„Eine Schülerschule ist jedoch nicht nur Utopie“, weiß Henkel, „sie existierte tatsächlich im Italien der 1960er Jahre, in den Bergen oberhalb von Florenz.“ In der „Scuola di Barbiana“ wurden alle Entscheidungen von Schülern getroffen. Ein Pfarrer ermunterte die älteren Schüler dazu, die jüngeren zu unterrichten. Als er starb, führten die Schüler im Alleingang die Schule fort – mit Erfolg.

Das einzige überlieferte Dokument ist ein kleines Buch mit dem Titel: „Die Schülerschule“. Hier haben die Schüler selbst aufgeschrieben, wie sie unterrichteten, welche Probleme und Vorzüge sich ergaben und welche Reformen sie sich für die Zukunft wünschten. Henkel diente dies als Vorbild: „Die Faszination, die von diesem Text ausgeht, ist heute noch spürbar. Was wir von den Barbiana-Schülern übernehmen sollten, ist das Vertrauen in das aufrichtige Wollen und die Ernsthaftigkeit der Motive der Kinder. Dass sie gemeinsam und gewaltfrei lernen wollen und sich auch gegenseitig lehren können. Wir wollen herausfinden, was Kinder von heute für ihr erfolgreiches Lernen selbst entscheiden und eigenständig tun können. Dies bedeutet im Umkehrschluss für uns Lehrer, uns auf die Dinge zu beschränken, die nicht den Entscheidungen der Kinder überlassen werden können. Wohin uns dieser Weg führen wird, muss heute offenbleiben. Die Zukunft wird es zeigen.“ 

 

Veröffentlicht im Magazin "bildung+" 

http://www.bildung-plus.de/SPEZIAL/sites/2016-01_Eine_Schlerschule_geht_ihren_Weg.html

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